Der Traum des Lebens

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Es war lediglich ein Traum. Einen Augenblick lang überkam er mich. Jedoch ist das Leid, das ich in meinem Alptraum ertrage, lediglich eine Illusion. Zeitlich begrenzt. Ein Augenblick. Warum träume ich? Warum muss ich in meinem Schlaf diesen Verlust, diese Furcht und Trauer verspüren?

Im großen Maßstab ist es eine Frage, die über alle Zeiten hinweg gestellt wurde. Und für viele Menschen ebnete die Antwort auf diese Frage ihren Weg hin zum – oder weg vom – Glauben. Der Glaube an Allâh, der Glaube an einen Lebenssinn, der Glaube an eine höhere Ordnung oder an einen endgültigen Bestimmungsort hat sich oft komplett darauf gestützt, wie diese eine einzige Frage beantwortet wurde. Und demnach bedeutet das Stellen dieser Frage, auf höchster Ebene nach dem Leben zu fragen.

Warum leiden wir? Warum widerfährt „guten“ Menschen „Schlechtes“? Wie kann es einen Gott geben, wenn unschuldige Kinder hungern und Kriminelle frei herumlaufen? Wie kann es eine allliebende, allmächtige Gottheit geben, die derartig missliche Umstände zulässt?

Und wenn Gott wirklich gerecht und gut ist, sollte dann nicht „guten“ Menschen nur „Gutes“ widerfahren und „schlechten“ Menschen nur „Schlechtes“?

Die Antwortet lautet eindeutig: Ja. Durchaus. Einzig „Gutes“ widerfährt „guten“ Menschen. Und einzig „Schlechtes“ widerfährt „schlechten“ Menschen. Warum?

Weil Allâh der Gerechteste und der Liebendste ist und es Ihm nicht an Wissen oder Verständnis mangelt.

Das Problem ist, dass es uns an Wissen und Verständnis mangelt.

Seht! Um die Aussage: „Guten“ Menschen widerfährt nur „Gutes“ und „schlechten“ Menschen widerfährt nur „Schlechtes“ zu verstehen, müssen wir zuerst definieren, was „gut“ und was „schlecht“ ist. Und obwohl es genauso viele Definitionen von „gut“ und „schlecht“ gibt wie Menschen, existiert ein allgemein gültiges Verständnis. Zum Beispiel würden die meisten Menschen zustimmen, dass die Erlangung eines angestrebten Vorsatzes oder Ziels bei einer bestimmten Angelegenheit „gut“ wäre. Wohingegen andererseits die Nichterlangung eines Vorsatzes oder Ziels „schlecht“ wäre. Wenn mein Ziel ist, Gewicht zuzulegen, weil ich gefährlich untergewichtig bin, wäre eine Gewichtzunahme gut. Wenn andererseits mein Ziel ist, Gewicht abzunehmen, weil ich schädlich übergewichtig bin, dann wäre eine Gewichtzunahme schlecht. Dieselbe Angelegenheit kann entsprechend meines angestrebten Ziels entweder gut oder schlecht sein. „Gut“ in meinen Augen beruht auf der Erlangung meines persönlichen Ziels. Und ein endgültiges „gut“ beruht auf der Erlangung meines endgültigen Ziels.

Doch was ist mein Ziel? Dies bringt uns zur grundlegenden Frage nach dem Sinn des Lebens, da dies die höhere Wirklichkeit betrifft. Wenn es um den Sinn des Lebens geht, dann gibt es im Wesentlichen zwei verschiedene Weltanschauungen. Die erste Weltanschauung besagt, dass dieses Leben die Wirklichkeit ist, der endgültige Bestimmungsort und das letztendliche Ziel unserer Bemühungen. Die zweite Weltanschauung besagt, dass dieses Leben lediglich eine Brücke ist, ein Mittel, nicht mehr als ein flüchtiger Blick innerhalb Allâhs unendlicher Wirklichkeit.

Für diejenigen, die der ersten Gruppe angehören, ist dieses Leben alles. Es ist das Ziel, das alle Taten motiviert. Für diejenigen, die der zweiten Gruppe angehören, neigt dieses Leben gegen Null. Warum? Weil im Vergleich zur Unendlichkeit selbst die größten Zahlen einen Nullwert erreichen. Nichts. Ein flüchtiger Traum.

Diese verschiedenen Weltanschauungen beeinflussen die Frage nach dem Sinn des Lebens direkt. Sprich, wenn jemand glaubt, dass dieses Leben die Wahrheit ist, der endgültige Bestimmungsort, das Ziel aller Bestrebungen, dann bestünde der Sinn des Lebens darin, Freude und Bereicherung im Diesseits zu maximieren. Mit dieser Weltanschauung widerfährt tatsächlich in jeder Sekunde „guten“ Menschen „Schlechtes“. Mit dieser Weltanschauung schlussfolgern die Menschen, dass es keine Gerechtigkeit gibt und es deshalb entweder keinen Gott gibt oder Gott nicht gerecht ist (Ich suche Zuflucht bei Allâh!). Dies ist, als würde jemand schlussfolgern, dass es keinen Gott geben kann, weil er einen schlechten Traum hatte. Doch warum verleihen wir unseren Traumerlebnissen nicht viel Gewicht? Schließlich sind einige Träume schrecklich – und widerfahren sehr oft „guten“ Menschen. Erfahren wir in unseren Träumen nicht großen Schrecken oder Glückseligkeit? Doch! Aber warum macht uns dies nichts aus?

Da es im Vergleich zu unserem echten Leben nichts ist.

Mit der zweiten Weltanschauung (der islâmischen Weltanschauung) ist der Zweck der Schöpfung nicht Freude und Bereicherung in einem Leben zu maximieren, das nicht mehr als ein Traum ist. Mit dieser Weltanschauung wird der Sinn des Lebens von Allâh bestimmt, Der uns sagt: „Und Ich habe die Dschinn und die Menschen zu keinem (anderen) Zweck erschaffen, als Mir zu dienen.“ (Sûra 51:56).

Es ist wichtig, auf den speziellen Aufbau dieser Aussage zu achten! Sie beginnt mit einer Negierung: „Und Ich habe die Dschinn und die Menschen zu keinem (anderen) Zweck erschaffen …“ Zunächst negiert Allâh der Hocherhabene alle anderen Ziele, bevor Er das eine und einzige, einzigartige Ziel festlegt: „… als Mir zu dienen.“. Dies bedeutet, dass ich als Gläubiger weiß, dass es kein anderes Ziel meines Daseins gibt, außer Allâh zu kennen, zu lieben und Ihm näher zu kommen. Dies ist der eine und einzige Grund, warum ich erschaffen wurde. Und dies ist die wichtigste Erkenntnis, da sie alles andere, was ich tue oder glaube, bestimmt. Sie erklärt alle Dinge um mich herum und alles, was mir in meinem Leben widerfährt. 

Um also auf die Bedeutung von „gut“ und „schlecht“ zurückzukommen, so stellen wir fest, dass letztendlich alles, was uns unserem endgültigen Ziel näher bringt, „gut“ und alles, was uns von unserem endgültigen Ziel entfernt, „schlecht“ ist. Relativ betrachtet bestimmen für diejenigen, deren Ziel diese irdische Welt ist, weltliche Dinge, was „gut“ und was „schlecht“ ist. Für sie sind Dinge wie das Erlangen von Vermögen, Status, Ruhm oder Besitz zwangsläufig „gut“. Der Verlust von Vermögen, Status, Ruhm oder Besitz ist zwangsläufig „schlecht“. Wenn mit dieser Weltanschauung also eine unschuldige Person ihren gesamten materiellen Besitz verliert, dann ist dies eine „schlechte“ Sache, die einem „guten“ Menschen widerfährt. Doch dies ist eine Illusion, die sich aus einer fehlerhaften Weltanschauung ergibt. Wenn die Linse an sich verkrümmt ist, dann ist auch das Bild verkrümmt, das durch diese betrachtet wird.

Für diejenigen, die der zweiten Weltanschauung angehören, ist alles, was uns dem Ziel, Allâhs Liebe zu erlangen, näher bringt, „gut“ und alles, was uns von diesem Ziel abbringt, „schlecht“. Deshalb könnte der Gewinn einer Milliarde Dollar für mich das größte Unheil bedeuten, das mir jemals widerfuhr, weil es mich von Allâh – von meinem höchsten Ziel – abbringt. Der Verlust meiner Arbeitsstelle oder all meines Besitzes und selbst eine Krankheit könnten hingegen tatsächlich der größte Segen sein, der mir zuteilwurde, wenn es mich Allâh – meinem höchsten Ziel – näher bringt. Allâh der Hocherhabene erwähnt im Qurân diese Gegebenheit wie folgt:

„…Aber vielleicht ist euch etwas zuwider, während es gut für euch ist, und vielleicht ist euch etwas lieb, während es schlecht für euch ist. Allâh weiß, ihr aber wisst nicht.“ (Sûra 2:216).

Als Gläubiger ist mein Maßstab also nicht länger Gewinn oder Verlust in materiellem Sinne. Mein Maßstab ist etwas Höheres. Was ich in weltlichem Sinne besitze oder nicht besitze, ist lediglich insofern relevant, inwieweit es mich meinem Ziel – Allâh – näher bringt oder mich von Ihm entfernt. Das Diesseits ist nichts weiter als ein Traum, den ich einen Augenblick lang durchlebe und aus dem ich dann erwache. Ob dieser Traum gut oder schlecht für mich war, hängt einzig von meinem Zustand zum Zeitpunkt meines Erwachens ab.

Und demnach herrscht auf der höchsten Waage absolute Gerechtigkeit. Allâh gibt lediglich guten Menschen Gutes (Nähe zu Ihm) und schlechten Menschen Schlechtes (Entfernung von Ihm). Das Beste ist die Nähe zu Allâh im Diesseits und im Jenseits. Und nur gute Menschen werden damit gesegnet. Aus diesem Grunde sagte der Prophet (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken): „Die Angelegenheit des Gläubigen ist verwunderlich. Wahrhaftig, jede seiner Angelegenheit ist gut! Dies gilt für niemanden außer für den Gläubigen. Wenn ihm etwas Gutes widerfährt, dankt er, und dies ist gut für ihn. Und wenn ihm etwas Schlechtes widerfährt, ist er geduldig, und das ist gut für ihn.“ (Muslim).

Wie dieser Hadîth erklärt, wird, ob etwas als gut oder schlecht definiert wird, nicht dadurch bestimmt, wie es äußerlich erscheint. „Gutsein“ wird, gemäß der Erklärung in diesem Hadîth, durch den guten innerlichen Zustand bestimmt, den er bewirkt: Geduld und Dankbarkeit – beides sind Ausdruck des Friedens mit Allâh und der Nähe zu Allâh.

Andererseits stellt Entfernung von Allâh die größte Katastrophe dar – im Diesseits und im Jenseits. Und lediglich schlechte Menschen werden damit bestraft. Was derartig „entfernte“ Menschen an Besitz, Status, Vermögen oder Ruhm besitzen oder nicht, ist lediglich eine Illusion – nicht wirklicher oder wichtiger als der Besitz oder Nichtbesitz dieser Dinge im großartigsten Traum oder schlimmsten Alptraum.

Über diese Illusionen sagt Allâh der Hocherhabene: „Und richte nur nicht deine Augen auf das, was Wir manchen von ihnen paarweise als Nießbrauch gewähren - den Glanz des diesseitigen Lebens -, um sie darin der Versuchung auszusetzen. Die Versorgung deines Herrn ist besser und beständiger.“ (Sûra 20:131).

Das ewige Leben beginnt, wenn wir aus dem Diesseits erwachen. Und dann erkennen wir …

… es war lediglich ein Traum.

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