Ibrahīm ibn Adham

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Sein Vater war ein sehr wohlhabender Mann aus Churasân und einer der dortigen Könige. Ibrahîm wurde in Makka geboren, als sein Vater und seine Mutter ungefähr im Jahre 100 n. H. zum Haddsch reisten. Als er das Licht der Welt erblickte, war er von Reichtümern umgeben. Er lebte in Luxus und Wohlstand. Er aß von den besten Nahrungsmitteln, die er wollte, ritt auf den besten Pferden und trug die prächtigste Keidung.

 
Eines Tages ritt Ibrahîm auf seinem Pferd aus, wobei ihn sein Hund begleitete. Er machte sich zur Jagd einer Beute auf, denn er jagte gern. Während er ritt, hörte er jemanden hinter sich rufen: „O Ibrahîm! Dies ist nicht das, wozu du erschaffen wurdest und was dir angeordnet wurde!“ Er hielt an, schaute sich nach rechts und links um und suchte die Quelle der Stimme, sah jedoch nichts. Er hielt sein Pferd an und sagte: „Bei Allâh! Ich werde mich Allâh nach diesem meinem Tag nicht widersetzen, solange mein Herr mich beschützen wird!“
 
Ibrahîm kehrte zu seinen Angehörigen zurück. Er ließ vom Leben im Luxus und Wohlstand ab und zog in die weiten Länder Allâhs aus, um nach Wissen zu streben, in Bescheidenheit zu leben und sich Allâh dem Hocherhabenen anzunähern. Ibrahîm war jedoch nicht nachlässig. Er beschäftigte sich nicht nur mit Anbetungshandlungen und Entsagung und verließ sich nicht auf die Wohltätigkeit Anderer. Vielmehr aß er von dem, was er mit seinen Händen verdiente. Er war als Lohnarbeiter bei Landbesitzern tätig, indem er für sie Bodenerträge erntete, Früchte pflückte, Getreide mahlte und Lasten auf seinen Schultern trug. Ibrahîm war fleißig bei seiner Arbeit. Man erzählte über ihn, dass er an einem einzigen Tag erntete, was zehn Männer ernteten. Während er erntete, trug er Folgendes vor:
 
„Nimm dir Allâh zum Gefährten ... und kümmere dich nicht um die Leute!“
 
Baqîya ibn Al-Walîd überlieferte: „Einst lud mich Ibrahîm ibn Adham zum Essen ein, und ich kam zu ihm. Er setzte sich hin und sagte: »Esst im Namen Allâhs!« Als wir aßen, sagte ich zu seinem Begleiter: »Erzähl mir über die schwerste Angelegenheit, die dir zustieß, seitdem du ihn begleitest!« Der Mann antwortete: »An einem frühen Morgen hatten wir nichts zum Frühstück. Ich sagte: ΄Könntest du, o Abû Ishâq, nach Ar-Rastan (eine syrische Ortschaft zwischen Hama und Homs) gehen und mit den Erntearbeitern gegen Lohn arbeiten?΄ Er bejahte dies.« Der Mann fuhr fort: »Ein Mann nahm mich als Arbeiter gegen einen Dirham. Ich fragte ihn: ΄Und was ist mit meinem Freund?΄ Er sagte: ΄Ich brauche ihn nicht, denn er sieht schwach aus.΄ Ich versuchte so lange den Mann zu überzeugen, Ibrahîm als Arbeiter anzunehmen, bis er ihn gegen zwei Drittel Dirham als Arbeiter einstellte. Als wir mit der Arbeit fertig waren, kaufte ich von meinem Lohn mein Essen und meine Bedürfnisse und gab den Rest als Almosen. Dann setzte ich das Essen vor.« Da weinte Ibrahîm und sagte: »Wir haben zwar bereits unseren Lohn erhalten, aber haben wir denn wirklich unsere Pflicht gegenüber dem Arbeitgeber erfüllt oder nicht?« Nun wurde ich wütend, doch Ibrahîm sagte: »Garantierst du, dass wir unsere Pflicht dem Mann gegenüber erfüllt haben?« Da nahm ich das Essen und gab es als Almosen.“
 
Ibrahîm zog stets von Ort zu Ort und verbrachte sein Leben in Enthaltsamkeit und Anbetung. Einst begab er sich nach Syrien und hielt sich so lange in Basra auf, bis er durch demütige Ehrfurcht und anbetendes Dienen gegenüber Allâh in einer Zeit berühmt war, in der die Menschen Allâhs nur wenig gedachten und die Anbetungshandlungen nur zögerlich verrichteten. Eines Tages kamen die Einwohner von Basra zu Ibrahîm und sagten zu ihm: „O Ibrahîm! Allâh der Erhabene sagt in Seinem Offenbarungsbuch: „ ... Sprecht zu MIR eure Bittgebete, ICH werde euch erhören!“ (Sûra 40:60). Und wir rufen Allâh seit langer Zeit an, doch erhört Er unsere Bitten nicht!“ Da sagte Ibrahîm ibn Adham zu ihnen: „O Leute von Basra, eure Herzen sind durch zehn Dinge gestorben:
 
Erstens: Ihr erkanntet Allâh, doch kamt ihr eurer Pflicht Ihm gegenüber nicht nach!
 
Zweitens: Ihr lest den Quran, doch ihr handelt nicht nach diesem.
 
Drittens: Ihr behauptet den Gesandten Allâhs Möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken zu lieben, doch ihr unterlasst seine Sunna.
 
Viertens: Ihr behauptet, der Satan sei euer Feind, doch ihr fahrt fort ihm zuzustimmen.
 
Fünftens: Ihr behauptet das Paradies zu lieben, doch ihr arbeitet nicht dafür.
 
Sechtens: Ihr behauptet das Höllenfeuer zu fürchten, doch ihr hört nicht auf zu sündigen.
 
Siebtens: Ihr sagt, dass der Tod wahr ist, doch ihr habt euch nicht auf ihn vorbereitet.
 
Achtens: Ihr beschäftigt euch mit den Mängeln Anderer und vergesst eure eigenen Mängel.
 
Neuntens: Ihr esst von Allâhs Gaben, doch ihr seid Ihm nicht dankbar.
 
Zehntens: Ihr begrabt eure Toten, doch ihr zieht keine Lehre daraus.“
 
Ibrahîm war ein freigebiger großzügiger Mann. Honig und Butter befanden sich oft auf seinem Esstisch, damit er speisen konnte, wer zu ihm kam. Eines Tages hörte ihn einer seiner Freunde sagen: „Es gibt keine Großzügigkeit, keine Freigebigkeit, keinen Großmut und keine Wohltätigkeit mehr. Wer die Leute durch sein Vermögen sowie Speis und Trank nicht unterstützt, der soll sie freundlich und gütig behandeln! Hütet euch davor, dass euer Vermögen ein Grund dafür ist, dass ihr eure Armen hochmütig behandelt, euch von den Schwachen abwendet und euren Bedürftigen nicht reichlich gebt!“
 
Ibrahîm ibn Adham war sehr bescheiden und liebte nicht den Hochmut. Er pflegte zu sagen: „Hütet euch vor Hochmut und Selbstgefälligkeit! Seht auf diejenigen, die ärmer als ihr sind, und seht nicht auf diejenigen, die wohlhabender sind! Wer sich gegenüber Allâh demütig verhält, dessen Rangstellung erhöht Allâh. Und wer sich Ihm unterwirft, den ehrt Er. Und wer Ihn fürchtet, den schützt Er. Und wer Ihm Gehorsam leistet, den erettet Er.“ Ibrahîm ibn Adham zog in der sicheren Erwartung des Sieges gegen den Satan und sein Ego in die Schlacht. Er verbrachte die Nächte im anbetenden Dienen gegenüber Allâh, flehte und weinte zu Ihm. Er hoffte auf Seine Verzeihung und Barmherzigkeit. Das Bittgebet von Ibrahîm erhörte Allâh.
 
Eines Tages war er mit seinen Gefährten auf einem Schiff. Da blies ein Sturm und das Schiff geriet in Seenot und die Passagiere weinten. Folglich sagte Ibrahîm: „O Lebender, wenn es keinen Lebenden gibt, o Lebender vor jedem Lebenden, o Lebender nach jedem Lebenden, o Lebender, o Beständiger, o Wohltäter und o Größter! Du hast uns Deine Macht gezeigt, zeige uns also Deine Gnade!“ Das Schiff begann sich zu stabilisieren, während Ibrahîm viele Bittgebete zu seinem Herrn sprach.
 
Er sprach oft folgendes Bittgebet: „O Allâh, übertrage mich aus der Erniedrigung der Sünden in die Macht des Gehorsams gegenüber Dir!“ Er pflegte auch zu sagen: „Warum beklagen wir uns bei Leuten über unsere Armut und bitten nicht unseren Herrn, diese hinwegzunehmen?“ Er sagte: „Jeder ungerechte Herrscher ist wie ein Dieb und jeder nicht in Ehrfurcht gegenüber Allâh demütige Gelehrte ist wie ein Wolf und jeder, der sich vor einem Anderen als Allâh demütigt, kommt einem Hund gleich.“ Er pflegte seinen Gefährten zu sagen, wenn diese sich versammelten: „Ihr sollt morgens und abends sagen: »O Allâh, bewache uns durch Dein Auge, das nicht schläft, und bewahre uns durch Deine Stütze, die nicht erstrebt wird, und erbarme Dich unser durch Deine Macht über uns! Wir gehen nicht zu Grunde, wo Du doch die Hoffnung bist!«“
 
Ibrahîm war mit dem strengen enthaltsamen Leben zufrieden. Er fastete und betete und sorgte so lange für Arme und Bedürftige, bis er möge Allah mit ihm zufrieden sein im Jahre 162 n. H. verstarb.

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